szmmctag

  • Trankgasse

    Wenn man den Hauptbahnhof verläßt, gleich links geht, dann wieder links, und den Dom rechts liegen läßt, kommt man zu einer der schmuddeligsten Ecken Kölns: Die beiden kurzen Tunnel, von denen der eine zur Bahnhofsrückseite, der andere zur Rheinuferstr. führt. Es riecht nach Abgasen und durchdringend nach Urin, überall liegt Abfall. Zur Aufwertung hat man nun den ersten Tunnel geschickt beleuchtet, türkisfarbene LED-Lampen sollen für eine angenehmere Atmosphäre sorgen. Das ganze Projekt trägt das Motto "Licht gegen Angsträume" und soll noch ausgeweitet werden. Ich finde es ganz schick, wie die Stahlträgerarchitektur da in Szene gesetzt wird, aber ob es die Wildpinkler und Umweltverschmutzer davon abhält, da ihren Unrat abzuladen? 10 Cent von jedem Würstchen, jedem Stück Pizza, das im Erlebnisbahnhof verzehrt wird, und man könnte das kommerziell geführte Bahnhofsklo wieder zu einer freien öffentlichen Bedürfnisanstalt machen. Solange man 1 Euro fürs Pinkeln bezahlen muß, sehe ich schwarz für die beiden Tunnelstraßen - Licht hin oder her.

  • Venloer Str.

    Eine große, tropfende Nase ist ja eher keine schöne Erscheinung, kann aber Grund genug sein für ein Denkmal. Der Nasenbrunnen in Ehrenfeld ist dem Kölner Original Andreas Leonhard Lersch (1840–1887) gewidmet, der seinen Zinken in Vieles steckte: Er war nicht nur Soldat, Metzger, Schauspieler, Abdecker und Geheimpolizist, sondern auch Hundefänger, ein Beruf, in dem er besonders erfolgreich war. Seine Methode war berühmt und gefürchtet: Er benutzte ein Netz, um die scheinbar herrenlosen Streuner einzufangen. In seiner Amtszeit soll die Höhe der eingezahlten Hundesteuer stark gestiegen sein - vielleicht ist das der Grund, weshalb der Brunnen vor dem Bezirksrathaus steht, man erhofft sich höhere Einnahmen. Scharfrichter war "Läsche Nas" übrigens auch, aber das Amt brauchte er nie auszuführen.

  • Hohenstaufenring

    Neulich wurde in der Zeitung von einer neuen Art der Fußpflege berichtet (es war nicht am 1. April): Man läßt seine Füße in einem Aquarium baumeln, in dem kleine rote Fische schwimmen. Die Saugbarben stürzen sich sofort darauf und knabbern die Hornhaut ab, das erspart einem den rauen Bimsstein und soll angeblich die Durchblutung fördern. Die Stadtverwaltung hat diese Dienstleistung nun verboten, aus Gründen des Tierschutzes. Nanu? Da werden täglich zig Tausende von Tieren geschlachtet, weil wir uns mit ihrem Fleisch ernähren wollen, aber wenn wir ihnen etwas bieten, was offensichtlich eine Delikatesse für sie ist, wird das auf dem Verwaltungsweg untersagt? Gut, ich habe schon Mauken gerochen, da kommt es einem hoch - aber hat man schon Fische kotzen sehen?
    Schweren Herzens müssen wir uns nun also mit dem Honig begnügen. Ich hoffe, man muß ihn nicht mitbringen. Vor ein paar Tagen habe ich relativ blind ins Supermarktregal gegriffen, hauptsache es war echter Imkerhonig. Nicht schlecht gestaunt habe ich dann, als ich an der Kasse 8,99 dafür zahlen mußte. Den werde ich mir auf jeden Fall oral zuführen.

  • Friesenstr.

    Das Brauhaus Päffgen gibt es bereits seit 1883, und tatsächlich wird das Kölsch noch hier im Hause gebraut. Andere Brauhäuser haben die Produktion längst in vollautomatische Produktionsstätten vor den Toren der Stadt verlagert. Das Päffgen-Kölsch wird nicht in Flaschen abgefüllt, und der Ausstoß ist so gering gehalten, daß neben dem Brauhaus nur neun andere Kneipen in Köln das Bier ausschenken dürfen. Am Wochenende abends ist hier ziemlich viel los, was wohl daher kommt, daß sich sich das Friesenviertel in den letzten Jahrzehnten in ein Remmidemmigebiet gewandelt hat, sonntagnachmittags dagegen geht es beschaulich zu. Vom Essen sollte man allerdings die Finger lassen: Den Sauerbraten, immerhin eine rheinische Spezialität, habe ich woanders schon sehr viel besser gegessen, und die Bratkartoffeln, die so aussahen, als kämen sie aus einer Tiefkühltüte, wurden ohne Speck und Zwiebeln serviert. Das kriegt ja sogar jeder Imbiß besser hin.

  • Frühling

    Nicht nur die Narzissen sprießen ...

    ... auch die Menschen blühen auf. Die Kioske und Biergärten freuen sich auf hohen Umsatz und die Pfandflaschensammler rüsten sich für die neue Saison. "Süße, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land" - die ersten Grillrauchschwaden schweben sanft über den Parkwiesen.

  • Kölner Straßenverkehr

    Sonntag stand ich am Fenster meiner Wohnung und bekam zufällig diese Szene mit:

    Na, ist ja nochmal gut gegangen. Aber da traut man sich kaum noch vor die Tür. Als das gute Wetter mich doch hinaustrieb, kam ich gerade bis zur nächsten Ecke, dann passierte das:

    Das ist hier schlimmer als in der Serie "Alarm für Cobra 11". Immerhin, meinen Kuchen habe ich heil nach Hause gekriegt.

    Innerhalb kürzester Zeit waren Feuerwehr und Ambulanz anwesend, wie man hört, ist niemand zu Schaden gekommen - von den Fahrzeugen mal abgesehen.

    Wieso überall diese Geräte herumstanden - keine Ahnung. Was kann das sein? Wetterstationen?

  • Berlin, Berlin (8): Neue Nationalgalerie

    Das erstmal als Warnung vorweg. Der Spruch steht nicht an einer Kirchentür, sondern an einer Wand der Ausstellung "Ausweitung der Kampfzone" in der Neuen Nationalgalerie. Das Gebäude wird Ende 2014 für vier Jahre geschlossen und saniert, man hofft noch auf einen Erweiterungsbau, dessen Finanzierung aber ungewiß ist. Diese Ausstellung ist der dritte Teil einer Ausstellungstrilogie über die Kunst des 20. Jahrhunderts und umfaßt die Jahre 1968 bis 2000.

    Ob das der Stein des vermuteten Anstoßes ist? "Penis and Vagina" von Paul McCarthy - sieht gar nicht nach "Pfui!" aus, eher harmlos. Gut, irgendwo wird noch ein Video abgespielt mit der unvermeidlichen nackten Marina Abramovic.
    "Ausweitung der Kampfzone", der Titel ist ein Zitat, so heißt auch ein Roman von Michel Houellebecq aus dem Jahr 1994. Gemeint waren dort die 'Zonen' Wirschaft und Sexualität, erstere ausgeweitet durch den Neoliberalismus, die zweite durch die "sexuelle Revolution".

    Die Kampfzone Kunst möchte man verstanden wissen als einen Ort, in dem gekämpft wird: Viel Nach-68er-Kunst sei aus einem aufklärerischen Impuls entstanden, sie sei häufig ein Kampf um bessere Verhältnisse, so die Ausstellungsmacher.

    Das mag im Einzelfall so sein, aber ich finde, das teilt sich durch die Kunst selbst nicht mit. Ich sehe in der Ausweitung der Kampfzone Kunst eher eine Befreiung der Kunst ("anything goes"), und damit einhergehend einen Verlust an Traditionen und eine Veränderung von künstlerischen Werten. In der Kampfzone Kunst zu bestehen ist härter geworden, eben, weil jeder alles machen kann. Das schöne bunte Bild oben ist z.B. von Gerhard Richter, dem höchstgehandelten Künstler weltweit - nach meiner Meinung völlig überbewertet, aber so sind halt die Gesetze des Kunstmarktes, irrationaler als die Kunst selbst.

    Nauman

    Bruce Naumans "Double Poke in the Eye II" (war hier gestern schon irrtümlicherweise zu sehen) ist ein netter Kommentar dazu, wie Menschen oft miteinander umgehen: Piekst du mir ins Auge, piek ich dir ins Auge: Schmerzhaft - und ziemlich lächerlich. Woher kenne ich diese Szene? Ich glaube, in mehreren Filmen mit Laurel und Hardy habe ich sie schon gesehen. (Die Köpfe bewegen sich übrigens nur in der gif-Datei, so lange konnte ich die Kamera nicht still halten).

    Auf ganz andere Weise lächerlich ist dieses Kunstwerk von Damien Hirst, den seine Kunst inzwischen zum Milliardär gemacht haben soll: "Pharmaceutic Wall Painting, Five Blacks", erworben 2013. Mich würde interessieren, was man dafür bezahlt hat.

    Das Interessanteste an dieser Bastelarbeit diesem Kunstwerk (von Jason Rhoades) ist sein Umfang und seine Rätselhaftigkeit - der Schleier lüftet sich etwas, wenn man den Titel liest: "Fucking Picabia Cars with Ejection Seat". Alles klar? Ich habe ja auch gesagt: Etwas. Picabia war ein Dada-Künstler, der einen Hang zu schnellen Autos und Technik hatte. Das stilisierte Auto liegt tatsächlich irgendwie auf dem Rücken Dach und wird - aha - von einem Schleudersitz penetriert. Soso ...

    Die Tücke des Objekts: "Küchenkoller" (Ausschnitt) von Bernhard und Anna Blume.

    Das Flugzeug aus Blei (mit Bleibüchern auf den Flügeln) von Anselm Kiefer verblaßt etwas vor dem großartigen Revolutionspanorama des DDR-Künstlers Werner Tübke:

    Gemalt im Stil des Manierismus-Malers Hieronymus Bosch - man kann sich kaum sattsehen.

    Da sind zwei zu erkennen: Luther und Albrecht Dürer.

    Das bekannte (wirklich gemalte) Bild des Hyperrealisten Franz Gertsch: "Barbara und Gaby" - ich hatte keine Ahnung, daß es so groß ist.

    Das sind nur ein paar Exponate, ungefähr 100 gibt es insgesamt zu sehen. Eine gute Auswahl, sehr amüsant und aufschlußreich, mir hat es jedenfalls gefallen.

    Ende.

  • Berlin, Berlin (7): Potsdamer Platz/Schöneberger Südgelände

    Schönes Haus, originelles Kunstwerk - das muß doch eine schöne Gegend sein, könnte man denken.

    Weit gefehlt. Das Haus und ...

    ... das Schild sind das einzig Alte, was es hier gibt.

    Am Potsdamer Platz spielt der Einzelne keine Rolle mehr, das menschliche Maß ist reduziert auf die Rolle des Konsumenten.

    Ein Spielplatz vor den neuzeitlichen Kathedralen des Kapitals - fünf Metallröhren, das reicht ja wohl, hier hält sich eh niemand lange auf. Was haben die Arschitekten (sic!) sich nur dabei gedacht? Ich weiß es: Gar nichts. Denken ist ein Vorgang, der Mühe macht und nichts einbringt außer Sorgen, also, wozu sich damit belasten?

    Stadt der Gegensätze: Immer noch mitten in der Stadt, gar nicht weit vom alten Flughafen Tempelhof (direkt an der S-Bahnhaltestelle Priesterstr.) befindet sich der "Naturpark Schöneberger Südgelände". "Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis", steht da auf der Mauer, und der Beweis wird offenbar, sobald man das Gelände betritt:

    Bevor man einen weitläufigen Birkenwald betritt, kann man einen kleinen Skulpturengarten besuchen.

    Dann führen lange Stege durch das Gelände. Im Sommer ist es bestimmt noch schöner.

    Überall liegen überwilderte Gleise und führen ins Nichts. Früher sah es hier so aus:

    Hier war der Rangierbahnhof von Tempelhof, der bis 1952 stillgelegt wurde. Dann kümmerte sich lange niemand um das Gebiet - die Natur ausgenommen.

    Bereits 1980 bildete sich eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt einsetzte, und seit 1999 ist der Park Landschafts- und Naturschutzgebiet.

    Ein kleines Café gibt es auch, das hatte aber schon geschlossen, als wir da waren.

    Im nächsten Berlin-Sommer bin ich wieder hier - garantiert.

    Fortsetzung folgt.

  • Berlin, Berlin (6): Prenzlauer Berg/Kreuzberg

    Der Ortsteil Prenzlauer Berg ist das größte erhaltene Gründerzeitgebiet Deutschlands, die relativ einheitliche Bebauung stammt aus der Zeit zwischen 1870 und 1914. Ähnlich wie bei Quedlinburg verdanken wir seinen Erhalt einem Mangel: Wenn es nach dem Willen der DDR-Stadtplaner gegangen wäre, hätte man hier alles platt gemacht, um Plattenbauten hochzuziehen. Allein, es fehlte das Geld. Also verschob man alle Pläne auf später und ließ die Häuser verkommen, was die Bewohner aber nicht daran hinderte, trotzdem das beste daraus zu machen (in den Kommentaren zu meinem letzten Eintrag gibt es ein paar Augenzeugenberichte).

    Das Café "Kapitalist (ein scheues Reh)" ist eines der wenigen Beispiele für eine unverputzte Fassade, seit der Wende Anfang der 90er Jahre hat man alles fix instandgesetzt und saniert, was nicht nur zu einer Verbesserung der Wohnsituation führte, sondern natürlich auch zu einem Anstieg der Mieten, ein Prozeß, der bis heute anhält.

    Seit der Wende hat sich über 80% der Bevölkerung ausgetauscht: Ursprünglich ein Arbeiterviertel, gegen Ende der DDR ein bevorzugte Gegend von Künstlern und Intellektuellen, wurde es nach der Wende zu einem Szene-Kiez, Clubs und "wilde" Kneipen (also ohne Konzession) entstanden, und im Sommer wurden auf den Hinterhöfen Lagerfeuer entzündet. Ein wenig erinnerte die Stimmung an die 68er Zeit. Heute wohnen hier überdurchschnittlich viele Akademiker im komfortabel sanierten Altbau, die ihre Ruhe haben und gut leben wollen und kein Problem damit haben, ein dickes Auto zu fahren und gleichzeitig in der Second-hand-Boutique nachzuschauen, was es Neues gibt.

    Volksnah will man natürlich auf eine alte Berliner Spezialität nicht verzichten, aber nur wenn sie gut inszeniert ist.

    150.000 Einwohner hat dieser vergleichsweise kleine Ortsteil, da wäre es natürlich Blödsinn zu behaupten, hier sei alles Schickimicki. Die "gehobene" Lebensweise konzentriert sich auf ein paar Ecken, z.B. auf den zugegeben sehr schönen Kollwitzplatz ...

    ... an dem gerade der Wochenmarkt stattfand, als wir da waren - wie zur Bestätigung des Klischees alles öko, mit veganen Imbissen, fair gehandelte Produkten und einem Protestsänger aus Lateinamerika, zu dessen melancholischen Weisen man einen transfairen Espresso von einem italienischen Barrista trinken konnte. Natürlich kostet das dann auch etwas mehr, für eine kleine Ökobratwurst mußte ich 3,20 Euro bezahlen, konnte dafür aber unter zehn verschiedenen Senfsorten auswählen.
    Seit Januar dieses Jahres besteht für Teile von Prenzlauer Berg "Milieuschutz", es hat sich nämlich herausgestellt, daß immer mehr Wohnungen luxussaniert werden: Mehrere kleine Wohnungen werden zusammengelegt und Kamine und Zweitbadezimmer eingebaut, eine Ende der Mietsteigerung ist nicht abzusehen. Das wird nun vom Bezirk unterbunden, aber ob es langfristig wirkt?

    Die Namensgeberin des Platzes, die Künstlerin Käthe Kollwitz, die über 50 Jahre hier gelebt hat.

    In der Mitte befindet sich immer noch ein Spielplatz, da geht schon mal was verloren.

    Ich befürchte ja, Enok hat sich auch eine Sonnenbrille besorgt und geht mit seinem Kumpel Pu einen saufen - eine erste Lektion für den kleinen Lev: Die Untreue von Kuscheltieren. Hart.

    Die Gentrifizierung, die sich hier vollzogen hat und immer noch vollzieht, gibt es auch in anderen Berliner Stadtgebieten. In dieser Kreuzberger Kneipe haben meine Freunde und ich über die Jahre unzählige Stunden verbracht. Seit diesem Jahr hat der alte Pächter aufgegeben. Es gibt nun nur noch eine Sorte Bier, ausschließlich in kleinen Gläsern, und das schmeckt auch noch schal. An der Theke stand ein Pulk von jungen Leuten, offensichtlich Bekannte der neuen Betreiber, und lärmten in der häufig anzutreffenden Sozialinkompetenz, daß man kaum sein eigenes Wort verstand. Schade. Dabei gibt es in dem kurzen Straßenabschnitt neuerdings noch zwei weitere Läden für die gleichen Besucher.

    Ea ist noch nicht lange her, daß diese kleine Markthalle in der Nähe der Skalitzer Str. fest in türkischer Hand war. Nun geht es eher edel zu, vegane Speisen, Buchweizencrèpe und handgemachte Chutneys werden angeboten - nicht das ich etwas dagegen hätte, aber ganz billig ist das alles nicht.

    Und auch hier: Entmietung, Zwangsräumung, Luxussanierung, leider oft von den Gerichten erlaubt, und verkauft an Leute, die es sich leisten können. Viele Leute wollen das originale Berliner Kiez-Flair genießen, dabei aber auf die Annehmlichkeiten eines gehobenen Wohnkomforts nicht verzichten, sorgen also selbst dafür, daß das verschwindet, weswegen sie hergezogen sind, denn das Flair, das sind die Menschen, die hier wohn(t)en.

  • Berlin, Berlin (5): Kollwitzplatz

    Da ich im Moment leider nicht so viel Zeit habe, hier schon mal ein filmisches Meisterwerk aus eigener Hand, eine sozialkritische Milieustudie im Dogma-Stil über den Kollwitzplatz am Prenzlauer Berg, über den ich demnächst mehr erzähle. Popcorn raus - es geht los.

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